Über Erschöpfung, Burnout und das Überschreiten eigener Grenzen

Es war ein wunderbarer Schnee-Tag. Seit Tagen war dicker, weicher Schnee gefallen. Am Morgen lag die Landschaft wie unter einer weißen Decke, jede Kontur sanfter, jeder Geräuschpegel gedämpft. Unsere Schritte knirschten im Schnee. Die Kinder stürmten voraus, zogen ihre Schlitten hinter sich her, fielen lachend in den Schnee, standen wieder auf, rannten weiter. Ihre Begeisterung hatte keine Bremse.

Wir waren als Familie unterwegs. Schlitten im Schlepptau, Mützen schief auf den Köpfen, kalte Finger, rote Wangen. Dieser einfache, dichte Moment von Gemeinsamkeit, gefüllt durch nichts als uns selbst.

Wenige Tage zuvor hatte mich eine Grippe erwischt und ich war noch nicht wieder ganz gesund. Die Grippe hatte zwar meinen Körper verlassen, aber so richtig sportlich aktiv wollte ich einfach noch nicht sein und mich noch etwas schonen. In mir war diese feine Resterschöpfung, wie ein kaum sichtbarer Riss im Fundament.
Also blieb ich heute neidisch am Rand und entschied mich nicht mit zurodeln. Ich war der Begleiter, der Fotograf, derjenige, der ruft: „Noch einmal!“ und das applaudierende Publikum.

Nach einigen Stunden Schneespaß merkte ich, dass es langsam für mich genug war. Mit jeder Stunde wurde die Kälte präziser. Sie zog nicht nur durch die Kleidung, sondern ging durch Mark und Bein, in die Muskulatur, in die Gelenke. Meine Energie sank ganz langsam, fast höflich. Und dann war er da, dieser kleine klare Gedanke: „Ab nach Hause!“.

Dem Rest der Family war auch kalt und so langsam waren alle erschöpft und wurden hungrig. Die Kinder wollten noch eine letzte Abfahrt und hatten einen anderen Hügel im Visier. Wir einigten uns alle auf die letzte Abfahrt und zwanzig Minuten – Dann geht es nach Hause. Ich spürte den Impuls jetzt gehen zu wollen – und gleichzeitig diesen vertrauten Reflex, noch zu bleiben. Noch ein Stück dazugehören. Noch ein Stück mittragen.

Was sind schon zwanzig Minuten?

In diesen zwanzig Minuten änderte sich die Situation schlagartig. Der Wind wurde schärfer und kälter. Der Schnee härter. Meine Aufmerksamkeit dünner. Ich war körperlich anwesend, aber innerlich nicht mehr ganz gesammelt. Mein Geist war bereits beim Heimweg. Ich sah die warme Wohnung vor mir, spürte die Tasse Tee in meinen Händen.

Die Kinder setzten sich auf den Schlitten, um loszufahren und gleichzeitig sah ich hierdurch den Heimweg vor meinen Augen. Zielstrebig, leicht ungeduldig, mit dem Kopf bereits im Warmen gingen wir los. Der erste Schritt landete auf Eis. Ich rutschte weg und schneller als ich irgendwie hätte reagieren können, lag ich auf dem Boden. Mein Fuß verkeilte sich während des Sturzes an einer Wurzel und mein gesamtes Gewicht schob in diesen Moment nach. Dann lag ich da. Der Schmerz ließ keinen Zweifel zu und ich fluchte und krümmte mich vor Schmerzen. Die Bildaufnahmen in der Notaufnahme später in der Nacht bestätigten meinen Verdacht – Sprunggelenk gebrochen.

Was mich im Nachhinein beschäftigt, ist nicht der Unfall selbst. Nicht der Schnee, nicht das Eis, nicht diese eine unachtsame Bewegung. Es ist der Weg dorthin. Die vielen kleinen Signale zuvor. Die Müdigkeit, die Kälte, das Nachlassen der Konzentration. All das war da. Früh genug und klar genug.

Ich hatte meine Grenze gespürt.
Ich hatte sie verstanden.
Und…

…trotzdem habe ich bewusst entschieden und bin sie bewusst übergangen.
Nicht aus Dummheit und auch nicht aus Leichtsinn, sondern aus einem inneren Bild heraus, wie ich sein möchte: verlässlich, belastbar, großzügig. Jemand, der nicht als Erster geht.

Genau hier beginnt Erschöpfung. Nicht mit einem Zusammenbruch, nicht mit Stillstand, sondern mit Verhandlung. Nur noch schnell. Nur noch diese eine Runde. Noch noch etwas aushalten. Ich kann noch mehr. Ich muss noch. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Rücksicht. Auf andere. Auf den Moment. Auf Erwartungen. Auf das eigene Bild von sich selbst.

Burnout entsteht nicht plötzlich sondern genau dort, wo Grenzen über längere Zeit überschritten werden und diese Überschreitung zur Normalität wird. Bei Eltern-Paaren, die dauerhaft funktionieren. Bei Alleinerziehenden Eltern, für die Rückzug kein realistischer Raum ist. In der Arbeit, wenn Verantwortung schleichend wächst, Pausen kleiner werden und der Gedanke, auszusteigen, mehr Angst macht als das Weitermachen. Auf Karrierewegen, auf denen Belastbarkeit zur stillen Voraussetzung wird und Erschöpfung als Begleiterscheinung gilt. Bei Menschen, die ihren Wert an ihrer Belastbarkeit messen.

Doch der Körper ist kein Gegner, den man besiegen kann. Er ist ein Seismograph. Er zeigt präzise an, wo wir uns von uns selbst entfernen. Erst flüstert er. Dann wird er deutlicher. Und irgendwann schreit er dich an und trifft Entscheidungen, die wir nicht mehr verhandeln können.

Burnout wächst in diesen kaum sichtbaren Momenten, in denen wir unsere Wahrheit relativieren. In denen wir sagen: „Es geht schon noch.“ In denen wir uns selbst erklären, dass unser Körper sich irrt. Wir verraten uns. Wir handeln gegen das, was wir längst wissen. Und wir tun es so oft, dass es normal wird.

Er entsteht ebenso dort, wo Menschen ihre eigenen Signale systematisch übergehen. Wo Müdigkeit ignoriert wird, weil sie gerade nicht passt. Wo das Bedürfnis nach Abstand zurückgestellt wird, um Erwartungen zu erfüllen. Wo Grenzen nicht von außen verletzt werden, sondern von innen verschoben. Aus Pflichtgefühl. Aus Loyalität. Aus dem Wunsch, verlässlich zu sein.

Dabei geht es nicht um mangelnde Stärke. Im Gegenteil. Burnout betrifft häufig Menschen, die viel tragen, Verantwortung übernehmen und lange durchhalten. Genau darin liegt die Gefahr. Wer gelernt hat, sich selbst zurückzustellen, bemerkt oft erst spät, dass der eigene Körper längst nicht mehr mitgeht.

Gerade im Beruf sind Menschen mit hoher Verantwortung, Leistungsdruck und diejenigen, die in Kontakt mit vielen Menschen sind, am meisten betroffen. In Deutschland allein sind Schätzungen zu Folge ca. 180.000 Menschen betroffen.

Der Unfall war in meinem Fall „nur“ ein Ereignis. Aber er hat sichtbar gemacht, was zuvor schon da war. Es war nicht die Überforderung im klassischen Sinn, sondern eine Grenze, die ich immer wieder verhandelt habe, immer wieder verschoben habe, bis sie sich nicht mehr verhandeln ließ.

Mein Bruch ist sichtbar (Röntgenbild, sechs Schrauben, ein Stück Metall, 9cm Narbe, Krücken – Cheers). Ein klarer Schnitt im Leben. Viele innere Brüche jedoch, sind es nicht. Sie zeigen sich in Zynismus, in chronischer Müdigkeit, in dem Gefühl, innerlich leer zu laufen, obwohl nach außen alles funktioniert.

Vielleicht beginnt Prävention mit der Bereitschaft, die eigene Grenze nicht nur wahrzunehmen, sondern zu ehren. Auch wenn das bedeutet, früher zu gehen. Auch wenn es bedeutet, Erwartungen zu enttäuschen. Auch wenn es bedeutet, ein anderes Bild von sich selbst zu akzeptieren.

Vielleicht beginnt Prävention deshalb nicht mit Methoden oder Strategien. Sondern mit einer schlichten, unbequemen Frage:

Wo überschreite ich meine eigenen Grenzen so regelmäßig, dass ich sie kaum noch als Grenze wahrnehme?

Diese Frage lässt sich nicht schnell beantworten, aber sie lässt sich auch nicht dauerhaft ignorieren.

Nimm dir Zeit!

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